Wie Ägypten das Internet ausknipste

Die Medien sprechen ja schon von der Facebook-Revolution und ja, ich vermute auch, dass die Social Networks im Fall Ägypten eine Rolle gespielt haben. Sie eignen sich ideal zur Kanalisierung, Kommunikation und Koordination von großen Gruppen — und das ad-hoc, quasi in Echtzeit. Was seinerzeit Flashmobs meist als Spaß demonstriert haben, war der Proof-of-Concept für die spontane Massenmobilisierung.

Offenbar hatten die aktuell unter Druck geratenen bzw. gestürzten Regimes diesen Angriffsvektor (hier wohl im positiven Sinne) nicht auf dem Radar, denn sie haben nur reagiert statt hier präventiv zu handeln. Ich fürchte, dass das anderen Regierungen eine Lehre ist und dass wir nun eine Welle von Internetzensur- und -überwachungsinitiativen rund um den Globus erleben werden. Man sollte das Thema in den kommenden Wochen und Monaten auf dem Schirm haben.

In Tunesien wurden Facebook-Konten gehackt, in Ägypten hat man direkt das Internet abgeschaltet. Aber wie macht man Letzteres?

Wie zu erwarten war, hat Ägypten die Achillesferse des Internet genutzt: BGP. BGP ist und bleibt das schwächste Glied in der globalen Kommunikation. Es ermöglicht das gezielte Umleiten von Traffic, wie es damals Pakistan mit Youtube versucht hat (und auf die Nase gefallen ist) und auch das Ausklinken ganzer Staaten aus dem Netz. Für Netzprovider sind diese Manipulationen von außen leicht zu beobachten, da sich in diesen Fällen die sonst eher zäh-stabile Vernetzung der Autonomen Systeme dann schlagartig ändert.

Einen interessanten Bericht darüber findet man bei Renesys. Wer sich nicht von technischen Details erschrecken lässt, kann auch direkt in die BGP-Updatelogs z.B. bei potaroo.net sehen. Dort sieht man schön, dass z.B. der Ägyptische Provider AS Data (einen Link dorthin spare ich mir, denn AS Data hat sich mit der Aktion natürlich selbst aus dem Netz geschossen) für die fünftstärkste Änderung weltweit in den letzten sieben Tagen verantwortlich ist (zum aktuellen Zeitpunkt). Vom 27. auf den 28. Januar 2011 wurden 2576 ägyptische Routen zurückgezogen. Fast ausschließlich das Netz von Noor ist noch erreichbar. Darüber läuft die Ägyptische Börse. Interessant ist auch, dass SaudiNet schon an Position sieben folgt. Das mag eine politische, kann aber auch rein technische Gründe haben, dass sie hier reagieren mussten.

Ah, wie ich gerade sehe, hat Ripe eine Statusseite zum Thema aufgemacht.

Update: Jetzt fahren sie in Ägypten anscheinend das Fidonet wieder hoch (warning: visual hazard!). Hoffentlich hat noch jemand die Nummern.

TV 2.0 (Update)

Das Thema hatte ich ja schon einmal auf dem Schirm, aber jetzt nimmt es langsam Fahrt auf. Nach SONY haben nun auch Samsung, Toshiba und Vizio Fernseher mit Android angekündigt. Die Geräte sollen wohl im Januar auf der CES vorgestellt werden.

Ich hoffe, dass man die Software zügig und regelmäßig aktualisiert. Das, was ich bislang gesehen hat, hatte deutlichen Nachholbedarf gegenüber Android 2.2 und machte eher den Eindruck einer Version 1.6. Aber gut, wenn die Plattform erst einmal steht und der Markt da ist, werden wohl auch Updates kommen. Schön wäre es auch, wenn die Gerätehersteller das Betriebssystem nicht modifizieren würden, wie es bei Handys der Fall ist, denn das erschwert (oder verhindert) die Installation generischer Updates.

Die liebe Verwandtschaft: SGML, XML, HTML, XHTML und HTML5

Die HTML5-Empfehlung nähert sich mehr und mehr der Fertigstellung, was für mich Grund ist — Lust und Zeit vorausgesetzt — in loser Folge auf einige Aspekte des Drafts einzugehen. Für einige Verwirrung sorgt die Schleudertour der letzten Jahre, in denen XHTML1.0, 1.1 und 2.0 irgendwie als Nachfolger von HTML 4.01 durchzugehen schienen. Erst eine Übersetzung von HTML in ordentliches XML (endlich!) und dann diverse Erweiterungen des Entstandenen. Das klang logisch.

Damit wurden aber nicht alle glücklich: Vor allem Mozilla, Opera und später Apple präferierten einen Weg, der unter anderem stärker auf Abwärtskompatibilität setzte und man koppelte sich von der W3C-Arbeitsgruppe als WHATWG ab. Später vereinten sich die beiden Entwicklungszweige wieder unter dem Dach des W3C und es entstand HTML5 quasi als Hülle um beide Zweige. HTML5 enthält HTML5 (wie soll ich das meinen Kindern erklären?) als Weiterentwicklung von HTML sowie XHTML5 als Nachfolger von XHTML2.0.

Je nach verwendetem Mimetype (text/html oder application/xhtml+xml) wird die eine oder die andere Sprache erwartet — ja, man muss hier Sprache sagen, denn es handelt sich bedauerlicherweise nicht nur um syntaktische Unterschiede, sondern um Unterschiede in Art und Umfang der Features. Dazu später mehr.

TV 2.0

So langsam schieße ich mich ein: Es muss wieder Google herhalten. Ich würde gerne ja auch mal von anderen Innovatoren auf dem Massenmarkt berichten, aber entweder beschäftigen diese sich derzeit mit längst überfälligen Arbeiten, entwickeln vor sich hin, um irgendwann eine neue Browserversion herauszubringen, die außer, dass sie ein Quäntchen besser als die Vorgängerversion ist, nichts Neues bringt oder sie arbeiten im stillen Kämmerlein am möglichen Konkurrenzprodukt zum hier Vorgestellten.

Wer weiß.

Spätestens nachdem Metabox Ende der 90er Jahre damit anfing, ist sie ein Thema: Die Integration von TV und Internet in ein wohnzimmertaugliches Gerät. Viele hoffen seitdem auf Nerds, die wieder das Wohnzimmer betreten und auf Großeltern, die dank TV-Gerät nun auch ins Internet gehen. Nicht zuletzt für die Medien könnten sich damit neue Geschäftsfelder auftun.

Nun kommt wieder einmal Schwung in dieses Thema: Google TV mausert sich und jetzt ist recht scharf erkennbar, was es ist: Basis ist Android, das im TV-Gerät oder in einer SetTop-Box läuft. Dazu gibt es ein passendes User Interface, Streaming-, Recording- und Video-on-Demand-Apps für verschiedene Anbieter und Schnittstellen zum Handy (Streaming, Fernbedienung). Die Android-Standard-Apps sind vermutlich obligatorisch: Browser, E-Mail, Kalender, YouTube, Gallery usw. Drumherum baut Google ein Netzwerk von Content-Anbietern, die passende Inhalte und Geschäftsmodelle bereitstellen. Falls etwas fehlt, wird es vermutlich binnen kurzer Zeit im Market erscheinen.

The coolest thing about Google TV is that we den’t even know what the coolest thing about it will be.

Als Paket sieht das beeindruckend aus. Ob es gut ist, dass Google nun auch ein heißes Eisen für diesen Markt schmiedet, mag jeder selbst für sich entscheiden. Außerdem vermute ich, dass viele Leute überhaupt nicht mit dem TV interagieren wollen — sie wollen vermutlich vielmehr einfach ihre Ruhe haben und in die Röhre gucken. Ob es dazu Studien gibt?

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